
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Geschäftsprozesse, sondern bricht mit den Grundgesetzen traditioneller Industrielogik. Warum der 1.500-Euro-Thermomix zur Metapher für falsche KI-Strategien wird, was Warren Buffetts Kaufhaus-Rolltreppen mit Algorithmen zu tun haben und wo der eigentliche Unternehmenswert der Zukunft entsteht: Ein Weckruf von Prof. Dr. Stefan Stoll bei der KI-Night in Villingen-Schwenningen.
Wer am 12. Oktober 2026 den Saal der KI-Night in Villingen-Schwenningen betrat, erwartete womöglich die üblichen Tech-Phrasen von exponentiellen Kurven und grenzenlosem Wachstum. Stattdessen stellte Prof. Dr. Stefan Stoll, Studiengangsleiter für Wirtschaftsinformatik an der DHBW Villingen-Schwenningen, gleich zu Beginn klar, worum es ihm geht: pragmatische Klarheit für Unternehmerinnen und Unternehmer. Weder dystopische Panik noch euphorische Utopien helfen der heimischen Wirtschaft. Die Realität ist schlicht: Der globale Wettbewerb nutzt KI – und wer nicht mitzieht, verliert.
Doch wie der Mittelstand die Technologie derzeit anpackt, offenbart ein gefährliches Missverständnis.
Zur Person: Prof. Dr. Stefan Stoll
Prof. Dr. Stefan Stoll ist Studiengangsleiter für Wirtschaftsinformatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Villingen-Schwenningen. Als profilierter Vordenker an der Schnittstelle von Technologie und Ökonomie („Techonomist“) forscht und lehrt er zu den Schwerpunkten Digital Thinking, IT-Innovationen, digitale Transformation und Geschäftsmodell-Logik. Mit seiner langjährigen Erfahrung versteht er sich als wissenschaftlicher Übersetzer für die betriebliche Praxis – fundiert, pointiert und stets mit Blick auf die Realität mittelständischer Unternehmen.
Das gefangene Denken in der „Industrielogik“
Baden-Württemberg und seine Tüftler wurden durch ein Prinzip weltberühmt: bestehende Produkte (Maschinen, Autos, Werkzeuge) Schritt für Schritt robuster, sparsamer und fehlerfreier zu machen. In der Innovationslehre nennt man das Sustaining Innovation. Begleitet wird dies von klassischer Effizienzinnovation – Prozesse optimieren, Kosten senken, Ausschuss minimieren, ganz nach der Schule des Toyota-Produktionssystems.
Das Problem: Dieselbe Denke wird nun eins zu eins auf Künstliche Intelligenz übertragen. KI wird als reiner Effizienzhebel betrachtet, genau wie die Einführung von ERP-Systemen in den 1990er-Jahren. Das ist zwar nützlich, greift aber dramatisch zu kurz.
Während die hiesige Industrie auf planbare Quartalsgewinne, Null-Fehler-Toleranz und Prozessstabilität setzt, agieren Technologiekonzerne im Silicon Valley nach einer völlig anderen Software-Logik: Schnelligkeit vor Effizienz, Fehler als Lernimpuls und radikales Reinvestieren in Wachstum.
Der „Thermomix-Moment“ – schnellere Suppe, gleiches Geschäftsmodell
Viele Unternehmen starten aktuell mit „Spray and Pray“: Hier ein Prompting-Workshop, dort eine automatisierte E-Mail-Beantwortung und drüben ein KI-Entwurf für die nächste PowerPoint-Präsentation.
Stoll veranschaulicht diesen Aktionismus mit einem Bild, das im Gedächtnis bleibt: dem klassischen Junggesellen, der sich für 1.500 € einen modernen Thermomix in die Küche stellt – nur um darin das Wasser für seine Fünf-Minuten-Terrine heiß zu machen.
„Das Wasser kocht schneller, aber das Geschäftsmodell bleibt Tütensuppe!“
Effizienzgewinne bei Routineaufgaben sind zwar real, verändern das Unternehmen strukturell jedoch um keinen Millimeter.
Das Kuckucksei und der Vendor-Lock-in
Noch brisanter wird es beim Blick auf die Wertschöpfung. Ein Mittelständler setzt ein gemietetes Cloud-KI-System eines US-Tech-Riesen ein, um Prozesse zu optimieren. Alle Beteiligten im Betrieb handeln nach bestem Wissen: Der CEO unterschreibt, der CFO sieht schwarze Zahlen im Business Case, der Einkauf verhandelt brav Verträge zum Datenschutz.
Und dennoch kann das Unternehmen langfristig verlieren. Stoll spricht hier vom Kuckucksei:
Während die Maschine vor Ort arbeitet, lernt das fremde KI-System kontinuierlich aus den Fehlern, Korrekturen und Interaktionen des Nutzers. Das System verbessert sich selbst. Die Lernergebnisse akkumulieren sich jedoch im System des Anbieters. Wer nach einigen Jahren den Anbieter wechseln will, stellt fest: Das mühsam aufgebaute Kontext- und Prozesswissen ist weg. Der Kunde sitzt im Vendor-Lock-in fest.
„Data is NOT the new oil.“
Dem gängigen Slogan „Daten sind das neue Öl“ erteilt Stoll eine klare Absage. Öl wird verbrannt und ist verbraucht. Daten hingegen werden nicht verbrannt; sie müssen im Kreislauf bleiben, vernetzt werden und zirkulieren.
Historische Datenbestände aus 20 oder 30 Jahren Maschinenbetrieb sind zwar ein wertvolles Pfund. Doch ein Wettbewerbsvorteil entsteht daraus nur dann, wenn das Unternehmen die Daten in ein Learning-Flywheel (Schwungrad) überführt:
Installierte Maschinen erzeugen reale Betriebsdaten → KI analysiert Nutzungsmuster → das Unternehmen lernt und setzt Erkenntnisse sofort um → Produkte und Services verbessern sich → Kunden nutzen mehr → das Schwungrad dreht sich schneller.
Nicht wer die meisten Daten im Archiv liegen hat, gewinnt die Zukunft, sondern wer die höchste Lerngeschwindigkeit besitzt.
Buffetts Rolltreppe – Wer behält den Wert?
Um das Dilemma wirtschaftlich greifbar zu machen, bedient sich Stoll einer Anekdote der Investorenlegende Warren Buffett: Als Buffett in den 1960er-Jahren Kaufhäuser besaß, rüstete er diese mit modernen Rolltreppen aus, um Kunden anzulocken. Wenig später zog die Konkurrenz nach. Das ernüchternde Fazit: Den Nutzen hatte der Kunde, der nun bequem nach oben fuhr; für das einzelne Kaufhaus verpuffte der Wettbewerbsvorteil komplett.
Buffett nannte dies eine defensive Investitionsentscheidung: Man muss investieren, um überhaupt im Spiel zu bleiben, erzielt dadurch aber keine echte Differenzierung mehr.
Genau das droht bei standardisierten KI‑Tools. Wenn jeder Wettbewerber auf Knopfdruck dieselben Modelle mieten kann, verschiebt sich die entscheidende Frage von der Werterzeugung (Value Creation) zur Wertaneignung (Value Capture): Wer behält den geschaffenen Wert am Ende tatsächlich im Unternehmen?
Was können wir daraus lernen? (Fazit für Entscheider)
- Kooperation bei Basistechnologie, Differenzierung durch eigene Lernkurve: Kein Mittelständler muss oder sollte ein eigenes 기초-Sprachmodell (Foundation Model) programmieren. Die Modelle der Hyperscaler können und sollten als Infrastruktur gemietet werden (Coopetition).
- Die eigene Wissensarchitektur sichern: Die Trennlinie zwischen Erfolg und Abhängigkeit verläuft am Speicherort der Erkenntnisse. Feedback, Prozesslogiken, Kundenpräferenzen und Korrekturen dürfen nicht unkontrolliert in fremden Systemen versickern, sondern müssen in einer unternehmenseigenen Wissens- und Datenarchitektur verbleiben.
- Von der Effizienz- zur Lerngeschwindigkeit wechseln: Einsparungen durch KI sind ein willkommener Pflichtteil, aber nicht die Kür. Der eigentliche Hebel liegt darin, wie agil ein Betrieb Kunden- und Maschinendaten über Feedbackschleifen in verbesserte Produkte und neue digitale Mehrwerte übersetzen kann.
Nicht die KI selbst muss dem Unternehmen gehören – wohl aber das Wissen und die Fähigkeiten, die das Unternehmen durch ihren Einsatz erwirbt.
Glossar: Die wichtigsten Fachbegriffe kurz erklärt
- Coopetition: Ein Kunstwort aus Cooperation (Kooperation) und Competition (Wettbewerb). Es beschreibt die strategische Zusammenarbeit zwischen Parteien (z. B. Mittelständler und globale Cloud-Riesen), die gleichzeitig in Teilen um Wertschöpfungsanteile konkurrieren.
- Defensive Investition: Eine notwendige Investition, um im Markt konkurrenzfähig zu bleiben, die jedoch keine nachhaltige Differenzierung oder Überrendite ermöglicht, da der Wettbewerb dieselben Mittel nutzt (Metapher: Kaufhaus-Rolltreppe).
- Disruptive Innovation: Eine grundlegende Innovation, die bestehende Marktregeln, Technologien oder Geschäftsmodelle vollständig ablöst und oft durch Einfachheit, neue Preismodelle oder veränderten Kundenzugang Marktgefüge umwirft.
- Effizienzinnovation: Prozess- und Methodenverbesserung mit dem Ziel, bestehende Produkte schneller, ressourcenschonender oder kostengünstiger herzustellen (klassische Betriebswirtschaftslehre).
- Flywheel (Schwungrad-Modell): Ein Konzept für sich selbst verstärkende Wachstumskreisläufe. Ähnlich wie ein schweres Schwungrad anfangs viel Energie benötigt, erzeugt es bei kontinuierlicher Beschleunigung eigene Dynamik: Mehr Nutzung führt zu besseren Daten, besseren Modellen, besseren Produkten und dadurch wiederum zu mehr Nutzung.
- Foundation Model: Sehr große, universell vortrainierte Basis-KI-Modelle (wie GPT von OpenAI), die auf riesigen Datenmengen trainiert wurden und als Fundament für spezifische Anwendungsfälle dienen.
- Gegenwartsontologie: ein Begriff aus der Wissenschaftstheorie. Gemeint ist ein strukturiertes Begriffs- und Kategoriensystem, um die aktuellen Phänomene, Mechanismen und Realitäten der Gegenwart präzise zu beschreiben und einzuordnen.
- Sustaining Innovation: Kontinuierliche Weiterentwicklung bestehender Produkte in etablierten Märkten für bestehende Kundengruppen (z. B. der schrittweise optimierte Maschinenbau).
- Value Creation vs. Value Capture: Value Creation beschreibt den Nutzen oder Mehrwert, der durch eine Technologie für Kunden oder Partner erzeugt wird. Value Capture hinterfragt, wie viel von diesem geschaffenen Wert wirtschaftlich tatsächlich beim Unternehmen verbleibt, statt an Lieferanten, Plattformen oder Kunden abzufließen.
- Vendor Lock-in: die technologische und wirtschaftliche Bindung eines Kunden an einen bestimmten Software- oder Plattformanbieter. Ein Wechsel zu einem Konkurrenten wird durch extrem hohe Umstellungskosten, proprietäre Schnittstellen oder verlorenes Systemwissen massiv erschwert.
Dieser Beitrag wurde unter Einsatz Künstlicher Intelligenz redaktionell aufbereitet. Die inhaltliche Prüfung, journalistische Einordnung und redaktionelle Verantwortung liegen beim Autor.
